Die ersten Städte waren vielleicht nicht in Mesopotamien… sondern hier

Die vorstellung, dass die Wiege der zivilisation ausschließlich in Mesopotamien liegt, ist tief in unserem kollektiven bewusstsein verankert. Doch archäologische funde in der Ukraine deuten darauf hin, dass die ersten städte, geplant und riesig, möglicherweise tausende von jahren früher in osteuropa entstanden sind. Diese entdeckung stellt nicht nur eine historische gewissheit in frage, sondern zwingt uns, die geschichte der urbanisierung neu zu denken. Wie konnte eine solch monumentale zivilisation so lange unentdeckt bleiben und was verrät sie uns über die anfänge des städtischen lebens?

Das dogma Mesopotamiens: eine zivilisation in frage gestellt

Für generationen von historikern war die sache klar: die ersten städte der menschheit entstanden im fruchtbaren halbmond, einer region zwischen dem Tigris und dem Euphrat. Die landwirtschaft führte zur sesshaftigkeit, aus dörfern wurden komplexe gemeinwesen. Diese erzählung prägte unser verständnis der anfänge des städtebaus.

Dr. Anja Schmidt, 45, archäologin aus Berlin, erinnert sich: «Als ich die geophysikalischen scans von Maidanetske zum ersten mal sah, konnte ich es kaum fassen. ‚Das kann nicht sein‘, dachte ich. Es war, als ob ein ganzes kapitel der menschheitsgeschichte neu geschrieben werden musste.» Ihre reaktion spiegelt den schock wider, den diese funde in der wissenschaftsgemeinschaft auslösten.

Die stadt Uruk, um 3500 v. Chr. im heutigen Irak gegründet, galt lange als der archetyp. Mit bis zu 550 hektar fläche, einer neun kilometer langen stadtmauer und monumentalen tempeln im zentrum schuf Uruk eine blaupause für städtisches leben. Diese urbane revolution schien der unbestrittene startpunkt für die entwicklung von stadtstaaten zu sein. Dieser referenzpunkt macht die entdeckungen in der Ukraine so unglaublich brisant, denn sie deuten auf eine noch frühere geburtsstunde des städtischen lebens hin.

Uruk als maßstab der alten welt

Uruk war mehr als nur eine große ansiedlung. Es war ein zentrum der macht, der religion und des handels. Die struktur der stadt, mit dem heiligen bezirk im kern und den wohn- und handwerksvierteln darum herum, zeugt von einer komplexen, hierarchischen gesellschaft. Dieses modell wurde zur definition dessen, was eine der ersten städte ausmachte.

Die existenz von schrift, verwaltung und monumentaler architektur untermauerte den status Uruks als keimzelle der urbanität. Alles, was davor kam, wurde als dorf oder protostädtische siedlung abgetan. Doch was, wenn parallel dazu, oder sogar früher, ein völlig anderes modell von stadt existierte?

Spuren im boden: die entdeckung der trypillia-megastätten

Die geschichte dieser revolutionären entdeckung beginnt nicht mit einer spitzhacke, sondern aus der luft. In den 1960er jahren bemerkte der sowjetische topograf Konstantin Shishkin auf luftaufnahmen über der ukrainischen steppe seltsame anomalien. Dunkle, konzentrische schatten zeichneten sich auf den feldern ab, zu regelmäßig, um natürlichen ursprungs zu sein.

Es dauerte jahre, bis diese geisterhaften abdrücke die aufmerksamkeit erhielten, die sie verdienten. Ab 1971 begannen erste untersuchungen vor ort und enthüllten langsam das ausmaß dessen, was unter der erde verborgen lag: die überreste riesiger prähistorischer megastädte, die einer vergessenen kultur angehörten, der Cucuteni-Trypillia-Kultur. Diese ersten städte waren anders als alles, was man bisher kannte.

Was die ukrainischen schatten verbergen

Seit den 2010er jahren haben insbesondere deutsche archäologen die forschung intensiviert und mithilfe moderner technologie das unsichtbare sichtbar gemacht. Geophysikalische untersuchungen enthüllten die vollständigen grundrisse dieser ansiedlungen, ohne einen einzigen spatenstich. Das bild, das sich ergab, war atemberaubend.

Die sogenannten mega-sites wie Maidanetske oder Talianki bestanden aus bis zu 2.800 häusern, die in präzisen, konzentrischen ringen oder ovalen angeordnet waren. Diese orte waren keine langsam gewachsenen dörfer; sie waren geplante metropolen, die zwischen 4100 und 3600 v. Chr. florierten und damit jahrhunderte älter sind als das berühmte Uruk. Die anfänge des städtebaus müssen daher neu datiert werden.

Ein neues modell für die ersten städte?

Die Trypillia-siedlungen stellen nicht nur den zeitlichen vorsprung Mesopotamiens infrage, sondern auch die definition einer stadt selbst. Während Uruk von tempeln und palästen dominiert wurde, die auf eine klare hierarchie hindeuten, fehlen solche machtzentren in den ukrainischen stätten vollständig.

Diese gemeinschaften scheinen nach einem egalitäreren prinzip organisiert gewesen zu sein. Es gab keine anzeichen für eine herrschende elite oder eine priesterkaste. Dies legt nahe, dass die entstehung von städten nicht zwangsläufig mit der bildung von staaten und sozialen ungleichheiten einhergehen muss. Es gab offenbar einen anderen weg in die urbanisierung.

Leben in einer prähistorischen metropole

Die häuser der Trypillia-kultur waren beeindruckende bauten aus holz und lehm, oft zweistöckig und mit bemalten wänden verziert. Sie standen dicht beieinander und bildeten nachbarschaften. Im zentrum der siedlungen befanden sich oft große, offene plätze, die vermutlich für versammlungen und zeremonien genutzt wurden.

Auf einer fläche von bis zu 320 hektar lebten schätzungsweise bis zu 10.000 menschen zusammen. Dies war eine bevölkerungsdichte, die in europa erst jahrtausende später wieder erreicht wurde. Diese vorläufer der metropolen waren pulsierende zentren des lebens, lange bevor die pyramiden gebaut wurden.

Merkmal Uruk (Mesopotamien) Maidanetske (Trypillia-Kultur)
Entstehungszeit ca. 3500 v. Chr. ca. 4100-3600 v. Chr.
Geschätzte einwohner Bis zu 50.000 (auf dem höhepunkt) 8.000 – 10.000
Struktur Zentralisiert, tempel im zentrum, stadtmauer Konzentrische ringe, gemeinschaftsbereiche
Gesellschaftsform Vermutlich hierarchisch, priesterkönige Vermutlich egalitär, keine paläste/tempel
Baumaterialien Lehmziegel Holz und lehm

Warum wurde diese zivilisation vergessen?

Mehrere gründe führten dazu, dass diese faszinierende kultur aus dem historischen gedächtnis verschwand. Zum einen hinterließen die Trypillianer keine schrift, was ihre erforschung erschwert. Ihre geschichte wird ausschließlich durch archäologische funde erzählt, was sie anfälliger für fehlinterpretationen macht.

Ein weiterer entscheidender faktor ist ein einzigartiges kulturelles ritual: Etwa alle 60 bis 80 jahre brannten die bewohner ihre gesamte siedlung nieder, um an einem neuen ort von vorne zu beginnen. Während dies für die archäologie ein segen ist, da der brand den lehm der häuser konservierte, verhinderte es die entstehung von tiefen, über jahrhunderte gewachsenen stadtschichten, wie man sie aus Mesopotamien kennt.

Die forschung wurde zudem durch die politische lage im 20. jahrhundert behindert. Während der sowjetzeit wurden solche entdeckungen oft wenig beachtet. Erst in den letzten jahren rücken diese frühen urbanen zentren ins zentrum des wissenschaftlichen interesses, auch wenn die aktuelle situation in der Ukraine die forschungsarbeiten erschwert.

Die etablierte vorstellung, dass die ersten städte ausschließlich in Mesopotamien entstanden, wird durch die funde in der Ukraine nachhaltig erschüttert. Es scheint, dass die menschheit an verschiedenen orten und auf unterschiedliche weise den schritt zum städtischen leben vollzog.

Die Trypillia-kultur zeigt uns, dass die anfänge der urbanisierung nicht zwangsläufig mit hierarchie und monumentalen steinbauten verbunden waren. Stattdessen existierte ein alternatives modell einer geplanten, großflächigen und möglicherweise egalitären gemeinschaft. Diese erkenntnis erweitert unser verständnis der menschlichen vergangenheit und wirft eine spannende frage auf: Wie viele weitere wiegen der zivilisation warten noch darauf, entdeckt zu werden?

Waren die trypillia-siedlungen wirklich städte?

Diese frage ist gegenstand intensiver debatten. Definiert man eine stadt über monumentale architektur und eine zentrale verwaltung, dann waren sie es vielleicht nicht. Definiert man sie jedoch über bevölkerungsgröße, dichte, planung und eine komplexe soziale organisation, dann waren diese mega-sites zweifellos die ersten städte europas und gehören zu den frühesten der welt.

Warum haben die menschen von trypillia ihre häuser verbrannt?

Die gängigste theorie besagt, dass es sich um ein rituelles verbrennen handelte. Es war kein akt der zerstörung, sondern ein zyklischer prozess des abschieds und des neuanfangs. Möglicherweise diente es dazu, die verbindung zu den ahnen zu ehren oder das land symbolisch zu reinigen, bevor man weiterzog. Dieser akt bewahrte ihre bauten paradoxerweise für die archäologen von heute.

Wie datiert man diese prähistorischen stätten so genau?

Die datierung erfolgt hauptsächlich durch die radiokarbonmethode, auch C14-datierung genannt. Archäologen analysieren organische materialien wie holzkohle aus den verbrannten häusern oder tierknochen. Durch die messung des zerfalls des kohlenstoff-14-isotops kann das alter dieser überreste mit einer bemerkenswerten genauigkeit von wenigen jahrzehnten bestimmt werden.

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